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TÜV

Süddeutsche Zeitung, 10. November 2001

Schlechte Noten für den Prüfer

Umweltsiegel für Produkte der chemischen Industrie werden als mangelhaft bewertet

Von Wiebke Rögener

Ebenso wie Atomkraftgegner beanstanden auch Kritiker der Chemieindustrie enge Verflechtungen zwischen Anlagebetreibern und den Kontrolleuren des TÜV. So fand die Interessengemeinschaft ”Coordination gegen Bayer-Gefahren” es wenig angebracht, dass der TÜV Rheinland 1998 seinen Umweltschutz-Preis einem Bayer- Manager verlieh. Die Kritiker erinnerten nicht nur an Umweltsünden des Konzerns, sondern auch daran, dass das Unternehmen Bayer 1949 Gründungs-
mitglied des ”Verbandes der Technischen Überwachungsvereine” war. Sie fordern Betriebsprüfungen durch unabhängige Institutionen.

Zumindest wird der TÜV bei der Überprüfung von Anlagen der chemischen Industrie bald Konkurrenz bekommen – wie in vielen anderen Bereichen auch. Denn das Recht der Europäischen Union lässt Monopole nicht mehr zu. ”Es gilt sicherzustellen, dass sich dadurch nicht die Qualitätsstandards verschlechtern”, gibt Michael Nitsche zu bedenken, der beim Umweltbundesamt (UBA) für Anlagentechnik zuständig ist. Denn das TÜV-Monopol hatte seiner Ansicht nach auch Vorteile: ”Da gab es keinen Wettbewerb und deshalb feste Preise.”
So habe der Preis das Prüfergebnis nicht beeinflussen können.

Auch vor dem Fall des TÜV-Monopols habe es eine gewisse Kontrolle der Kontrolleure gegeben, meint Nitsche. Denn neben dem TÜV überprüfen auch Umweltbehörden des Staates und der Länder Industrieanlagen – allerdings meist nur stichprobenartig. In manchen Fällen finden aber auch umfangreiche Untersuchungen durch die Behörden statt, etwa nach dem Unglück im niederländischen Enschede im Mai 2000, als eine Feuerwerksfabrik im Zentrum des Ortes explodierte und mehr als 20 Menschen ums Leben kamen. Als Reaktion wurden in Deutschland alle Feuerwerksproduzenten gründlich kontrolliert.

Die Chemieindustrie schmückt nicht nur ihre Produktionsanlagen, sondern auch ihre Produkte gern mit einem TÜV-Stempel. Für Lack-
farben und Möbel, Bodenbeläge und Textilien wird mit TÜV-geprüfter Umweltfreundlichkeit geworben. Die Zeitschrift Öko-Test untersuchte im Sommer, ob Vertrauen in solche Gütezeichen gerechtfertigt ist. Das Label ”Toxproof” des TÜV Rheinland für schadstoffarme Möbel bekam dabei die Note ”ungenügend”. Begründung: Toxproof-Möbel dürften beispielsweise gesundheitsschädliche Weichmacher enthalten.
Ein anderes TÜV-Siegel für Teppiche garantiert laut Öko-Test ”nicht viel mehr als die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben”.

Geradezu den Zorn der Fachwelt erregt ein neues TÜV-Prädikat, das im vergangenen Jahr entwickelt wurde. Es bescheinigt bestimmten Wandfarben und Teppichböden, sie seien ”für Allergiker geeignet”. ”Dieses Siegel hat der TÜV ohne jede Abstimmung mit Fachorganisationen entwickelt”, empört sich Karl- Christian Bergmann, Leiter des Allergie Dokumentations- und Informationszentrums in Bad Lippspringe (Nordrhein- Westfalen). ”Die Hersteller bezahlen den TÜV für dieses Siegel. Es dient nur dem Marketing”, ist Bergmann überzeugt. Keinesfalls könnten die vom TÜV eingesetzten Methoden, mit denen etwa der Geruch der Produkte oder der Abrieb von Textilfasern getestet werde, garantieren, dass Teppiche oder Farben keine Allergien auslösen. ”Wenn eine Firma ihr Produkt mit solchen Aussagen verkaufen will, muss sie das in einer klinischen Prüfung an Patienten unter Beweis stellen”, sagt Bergmann. Methoden, wie der TÜV sie anwende, seien ungeeignet und genügten wissenschaftlichen Kriterien nicht.